Please use this identifier to cite or link to this item: http://dx.doi.org/10.14279/depositonce-754
Main Title: Wissenschaftstheorie und Wertung
Subtitle: Entwurf einer Ethik, die ausgeht von den Maßgaben des Kritischen Rationalismus und in diesen Maßgaben auch ihre Beschränkung findet
Translated Title: How to Use the Philosophy of Science for Ideology-Free Orientation in Ethics and Politics
Author(s): Dahlmanns, Karsten
Advisor(s): Gil, Thomas
Referee(s): Poser, Hans
Marburger, Helga
Granting Institution: Technische Universität Berlin, Fakultät I - Geisteswissenschaften
Type: Doctoral Thesis
Language: German
Language Code: de
Abstract: In der Medien- oder Informationsgesellschaft unserer Tage sind die Menschen einer Flut von Vorschlägen und Forderungen ausgesetzt, welcher Auffassung sie bezüglich ethischer und staatsphilosophischer, aber auch ganz privater, gleichsam lebensphilosophischer Fragestellungen sein sollen. Unter diesen Vorschlägen in nicht-beliebiger Weise die geeigneteren auszuwählen, unangemessene Forderungen jedoch aus sachlichen Gründen zurückzuweisen, ist für deren Bürger alles andere als einfach, sondern eine wirklich schwierige Aufgabe; - zumal in einer pluralistischen Gesellschaft der Rekurs auf örtliche Traditionen keine allgemeine Verbindlichkeit stiften kann. Zwar ist der Rückzug in ein juste milieu immer möglich; doch bleibt er systematisch, was er in menschlicher Hinsicht ist: Ein Rückzug. In dieser Situation Rat zu schaffen, ist das Ziel von Wissenschaftstheorie und Wertung. Dabei wird natürlich nicht prätendiert, der Verfasser wisse um das Wesen des Guten Lebens oder des Gerechten. Es geht vielmehr darum, geeignete Auswahlwerkzeuge vorzustellen, die da unabhängig von örtlich beschränkten Teiltraditionen und den Vorlieben des Verfassers nicht sinnvoll als beliebig bezeichnet werden können. Wissenschaftstheorie und Wertung schlägt vor, diese Auswahlwerkzeuge in den Ergebnissen der Wissenschaftstheorie des Kritischen Rationalismus von Karl Popper und jenen zu erblicken, die den Popperschen Ansatz kritisch weiterverfolgt haben. Die Wissenschaftslogik bietet einen von örtlichen Kulturemen weitestgehend unabhängigen Maßstab einer ihrer wesentlichen Züge ist ja, daß das Geschlecht, die Hautfarbe oder religiöse Orientierung dessen, der ein Argument vorträgt, keine Rolle spielen soll , und der Nachweis, daß es sich bei der Wissenschaftslogik um etwas äußerst Grundlegendes handle, ist sehr einfach ex negativo zu führen. Der Wertproblematik wird dabei durch verschiedene technisch-methodologische Maßnahmen Rechnung getragen. Die Argumentation von Wissenschaftstheorie und Wertung ist einfach und übersichtlich: Zunächst wird aus Poppers Aufsatz Die Zielsetzung der Erfahrungswissenschaften ein methodisches Prinzip gewonnen. Anschließend werden die Ergebnisse der Wissenschaftstheorie zu Regeln adaptiert, anhand derer man Vorschläge über das Gute Leben und das Gerechte wie Material prüfen kann. Die so gewonnenen Regeln wirken also wie Denk-Werkzeuge, mit denen die Menschen ungeeignete von eventuell geeigneten Vorschlägen bezüglich ethischer und staatsphilosophischer Dinge unterscheiden können. Natürlich ist bei alledem das Verhältnis von Prüfregeln und methodischem Prinzip ein streng systematisches; d.h. es werden nur solche Regeln aufgenommen, die der Verwirklichung des methodischen Prinzips tatsächlich dienen, und die Gesamtheit der Regeln soll für die Umsetzung des methodischen Prinzips hinreichend sein. Die Prüfregeln werden in vier Gruppen vorgestellt, geordnet nach den Forderungen: 1.Daß die Vorschläge keine Sätze enthalten mögen, die nachgewiesenermaßen falsch sind; 2.einen größtmöglichen Anteil von Sätzen enthalten sollen, die falsch sein können (wobei die Fakt/Wert-Unterscheidung zu berücksichtigen ist); 3.Umfassendheit zeigen sollen und 4.systematische Tiefe an den Tag legen mögen. Wenn man in dieser Weise vorgeht, bedarf man keiner gesonderten Brückenprinzipien , wie sie Hans Albert vorschweben. Inhaltlich betrachtet, entsteht aus der Anwendung von Prüfkriterien, die der Wissenschaftstheorie entstammen, eine robuste, weil systematisch tiefe und von örtlichen Traditionen unabhängige Legitimation der Liberalen Demokratie. Wie es aus kritizistischer Perspektive nicht anders sein kann, handelt es sich dabei um eine Legitimation ex negativo, den Ausschluß konkurrierender Vorschläge bezüglich staatsphilosophischer Angelegenheiten. Wo es um gleichsam innerdemokratische Fragestellungen geht, schließt das Prüforganon von Wissenschaftstheorie und Wertung sowohl paternalistische, als auch radikalliberale (libertarian) Vorschläge aus. Verschiedene weitere Implikationen lassen sich ablesen oder selbst ziehen. Hinsichtlich privaterer, lebensphilosophischer Sorgen und Träume schließlich eignet dem Prüfapparat eine besondere Schutzfunktion. Wie sich nämlich im Durchführungsteil erweist, hat keine einzige der in Feuilletons und anderswo verbreiteten Verzweiflungsreligionen Bestand. Folglich wird sich ein Mensch, der mit solchen Prüfregeln vertraut ist, deren Herleitung und Legitimation selbst verstanden hat, von Schreckgespenstern wie Sinnverlust , Solipsismus und Relativismus, von anti-europäischen Schlagworten wie der Phrase intellektueller Imperialismus , von der Vergottung des Kunstlosen in der Kunst und was dergleichen mehr sein möchte, nicht mehr schrecken lassen. Dies ist ganz sicher ein besonderer Akzent der vorliegenden Arbeit, zumal Wissenschaftstheoretiker über derartig unnütze Fragestellungen nur selten nachdenken. Eine Reflexion über die Grenzen des vorgestellten Ansatzes beschließt Wissenschaftstheorie und Wertung.
Liberal Democracy embedding the principles (or virtues) of pluralism and tolerance, always finds itself threatened by the onslaught of anti-liberal ideologies, such as theocratic propaganda, the variants of Marxism, fascist thought-clusters etc. Therefore, defending Liberal Democracy is always important, but, under the conditions of pluralism, not in every case trivial, as far as the philosophical foundations for such a defence are concerned. The option human rights endowed by God does not pierce deeply enough in a pluralist world, if ever it did. Furthermore, modern pluralist society is often scorned to make intellectual orientation more difficult or even impossible for its own citizens. In the turmoil of competing ideologies, beliefs and counterbeliefs, commandments and quasi-pedagogic recommendations, citizens of modern pluralist societies feel a pressing demand for a means of measurement, or set of criteria, to select among all these ethical, aesthetical, or political proposals. But whence can they obtain them? And how can they prove that their selection criteria are not ideological or a mere quodlibet themselves, since such measuring ideologies by ideologies would destroy the very idea of true intellectual orientation? This is the problem situation which Wissenschaftstheorie und Wertung tries to mend. In order to do this , a method of weak presuppositions is followed to show ex negativo that the (expanded) logics enabling us to make scientific discoveries constitute a proper criterion which can be used to check ethical or political propositions. This criterion is non-ideological in all possible senses, for the logic of science itself urges us to ignore the race, sex or religious affiliation of the person arguing. Since the inner ways of science are best explored by Popper and his constructive Critics, Wissenschaftstheorie und Wertung develops the organon of Critical Rationalism into easily usable thought-tools which enable the citizens of pluralist societies to select among all the ethical and political propositions they hear, read, or otherwise glean. With the right methodological steps, such a development is possible without any blur on the fact/value-dichotomy which remains fully respected in the given approach. Technically , Wissenschaftstheorie und Wertung gains a methodological principle from Poppers Essay The Aim of Science , realized by a set of methodological rules or selection criteria. The ethical or political proposals available on the ideology market serve as material for inspection. Ethical or political propositions not refuted by the methodological apparatus might be called suitable or less bad : They constitute what is recommended by Wissenschaftstheorie und Wertung again ex negativo. It should be noted here that the given approach does not need special Brueckenprinzipien , or principles to bridge the gap between science and ethics , as suggested by Hans Albert. The problem of how to legitimate such Brueckenprinzipien seems therefore solved. Materially , the thought-tools of Wissenschaftstheorie und Wertung provide a robust legitimation (of course, ex negativo) of Liberal Democracy, not erodable by cultural relativism and not dependent on any overlapping consensus of Rawlsian provenience. Paternalistic proposals are refuted by its organon as well as libertarian ones, which are blind for the necessity of rational social politics. Concerning more private ethical matters, Wissenschaftstheorie und Wertung serves as an antidote against many a gloomy ideology, usually called modern or deeply thought , such as solipsism, ethical or even epistemological relativism, reductionism of psychoanalyst style, or aesthetical brutalism. This nuance might turn out to be important, since the tradition of continental Lebensphilosophie, or existentialism, has the semblance of being in love with the depressing or even schizophrenogene. With a reflection on the bounds of the given approach and on the twofold nature of the ethical Wissenschaftstheorie und Wertung closes.
URI: urn:nbn:de:kobv:83-opus-6553
http://depositonce.tu-berlin.de/handle/11303/1051
http://dx.doi.org/10.14279/depositonce-754
Exam Date: 9-May-2003
Issue Date: 23-Nov-2004
Date Available: 23-Nov-2004
DDC Class: 100 Philosophie und Psychologie
Subject(s): Ethik
Kritik des Antiliberalismus
Kritischer Rationalismus
Liberalismustheorie
Popper
Theorie der Demokratie
Wissenschaftstheorie
Critical Rationalism
Critique of Anti-Liberalism
Democracy
Liberalism
Philosophy of Science
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