Wann braucht Ethnografie eine Einverständniserklärung? Praktische Antworten auf ethische Fragen zu ethnografischen Methoden in der HCI-Forschung

Heibges, Maren; Mörike, Frauke; Feufel, Markus A.

FG Arbeitswissenschaft

Die Forschung im Bereich der Mensch-Computer-Interaktion (HCI) nutzt ein zunehmend breiter werdendes Methodenspektrum für eine sich immer weiter auffächernde Bandbreite von Forschungsfeldern. Zahlreiche Studien verlassen für die Datenerhebung den vertraut-kontrollierbaren Kosmos von Laboren und Versuchsständen, um stattdessen im Feld mehr über das Verhalten einer NutzerInnengruppe im „natürlichen“ Kontext zu erfahren. Für jede Forschung gelten unabhängig von Feld und Methode die forschungsethischen Grundprinzipien der Freiwilligkeit, Benefizienz und Gerechtigkeit. Um das Freiwilligkeits-Prinzips in der Forschungspraxis zu gewährleisten, stellt der Einsatz von Einverständniserklärungen als informierte Zustimmung bzw. Informed Consent (IC) einen kritischen Punkt für jedes Studiendesign dar. Für viele qualitative Methoden besteht in Bezug auf das Gebot des IC in der HCI Forschung eine direkte Analogie zu der etablierten Ethikpraxis für quantitative Methoden. Die Ethnografie nimmt hier jedoch eine gewisse Sonderstellung ein. Begründet in ihrem methodischen Kernansatz der in-situ Beobachtung stellt insbesondere das Thema IC immer wieder eine ethische und forschungspraktische Herausforderung dar, da es bei einer feldbasierten und damit interaktionsoffenen Forschung schwieriger ist festzustellen, welche der beteiligten Personen als direkte ForschungsteilnehmerInnen zu konzeptualisieren sind bzw. von welchen Personen ein IC in welcher Form gebraucht wird. Dieser Artikel rückt die Frage nach einem sinnvollen und ethisch korrekten Einsatz von IC in ethnografischen Studien im HCI Bereich ins Zentrum der Betrachtung. Mit der Skala der situationsangemessenen Privatsphärenerwartung und IC (SPIC-Skala) wird ein praxistauglicher Lösungsansatz vorgestellt, der sich bereits in zahlreichen Forschungsprojekten im HCI Kontext bewährt hat. Kernargument der SPIC-Skala ist, dass Forschende sich in ihren IC Maßnahmen an den situationsabhängigen Privatsphärenerwartungen von beteiligten Personen orientieren sollten. Eine solche Wahrung der Privatsphärenerwartungen sehen wir als forschungspraktische Operationalisierung des Freiwilligkeits-Prinzips in offenen Forschungssituationen. Dass ein solches Schema jedoch kein „Freifahrtschein“ sein kann, und immer wieder aufs Neue für den eigenen Kontext geprüft werden muss, wird in einem abschließenden Fazit diskutiert.