Please use this identifier to cite or link to this item: http://dx.doi.org/10.14279/depositonce-4297
Main Title: Nebenbei Raum
Subtitle: Die Bedeutung von Form und Struktur architektonischer Räume für die Mechanismen der impliziten visuellen Raumwahrnehmung
Translated Title: Space by the way
Translated Subtitle: the significance of architectural form and structure for the mechanisms of implicit visual space perception
Author(s): Ballestrem, Matthias von
Advisor(s): Leibinger, Regine
Referee(s): Leibinger, Regine
Gleiter, Jörg
Granting Institution: Technische Universität Berlin, Fakultät VI - Planen Bauen Umwelt
Type: Doctoral Thesis
Language: German
Language Code: de
Abstract: Die Architektur der letzten Jahre ist reich an Beispielen formal und strukturell komplexer Projekte, die den Betrachter faszinieren, ihm jedoch gleichzeitig keinen Zugang anbieten, der es ihm ermöglichen würde, Herkunft und Bedeutung ihrer Formen zu verstehen. Während für eine Bewertung solcher Entwürfe gerne belastbare technische Kriterien herangezogen werden, sind eben solche für eine Beschreibung von Form und Struktur in Bezug auf ihre Wahrnehmung verloren gegangen. Den Versuch zu unternehmen, solche Kriterien wieder zu entwickeln scheint heute besonders aus Sicht der Psychologie und Neurowissenschaften vielversprechend, da in diesen Forschungsbereichen in den letzten Jahren neue relevante Erkenntnisse über die Mechanismen der Wahrnehmung erarbeitet worden sind. Vorliegende Arbeit widmet sich demnach der Aufgabe, Form und Struktur architektonischer Räume aus Sicht der visuellen Raumwahrnehmung zu beschreiben. Dabei steht nicht die individuelle geschmackliche Bewertung der Wahrnehmung im Vordergrund, sondern die implizite prozesshafte Interaktion zwischen Architektur und Wahrnehmendem. Ziel der Untersuchung ist es dabei, einen neuen aussagekräftigen Aspekt der Bedeutung von architektonischer Form und Struktur zu erschließen und diesen den etablierten Betrachtungsweisen hinzuzufügen. Ein psychologischer Deutungsansatz für Architektur beinhaltet, dass Raum aus einer individuellen Perspektive beschrieben wird. Das subjektive Erleben von Raum bestimmt gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Ästhetik der Einfühlungstheorie. Im ersten Teil der Arbeit wird diesen Grundlagen aus der Einfühlungstheorie und der Gestaltpsychologie nachgegangen. Genauer wird die auf die Gestalttheorie aufbauende Arbeit Rudolf Arnheims diskutiert, da sein Ansatz eine geeignete Systematik bietet, eine Verbindung zwischen der heutigen Forschung zur impliziten Wahrnehmung und der Architektur zu schaffen. Rudolf Arnheims Methodik bildet den Ausgangspunkt für die Untersuchung des relevanten Wissensstands in Psychologie und Neurowissenschaften im zweiten Teil der Arbeit. Die Schwerpunkte der Untersuchungen konzentrieren sich dabei auf die Forschungsbereiche, die sich mit impliziter visueller Wahrnehmung beschäftigen. Dabei werden Aspekte der visuellen Aufmerksamkeit, Selektion, Expertise, des Lernens und der unbewussten Wahrnehmung erörtert. Diese Bereiche der Forschung beleuchten die Mechanismen, die auch abseits unserer bewussten Aufmerksamkeit mit der Gewinnung von Informationen aus den Reizen der Umgebung beschäftigt sind. Sie liefern eine fundierte Vorstellung davon, wie auch ohne unser Zutun und ohne dass wir es bemerken unser Nervensystem durch die beständige Verarbeitung von Reizen in die Lage gebracht wird, mit seiner Umgebung weitgehend unabhängig von unserem Aufmerksamkeitsfokus erfolgreich zu interagieren. Und darüber hinaus, wie diese Interaktion mit unserer Umgebung unser Verhalten beeinflusst und uns prägt. Es wird deutlich, dass Form und Struktur der Objekte um uns herum mithilfe grundlegender Wahrnehmungsmechanismen beständig und automatisch neu interpretiert werden. Die Einblicke in diese Wahrnehmungsprozesse werden im dritten Teil mit zunehmender Komplexität auf die Interaktion des Wahrnehmungssystems mit konkreten architektonischen Räumen übertragen. Dadurch können einige Phänomene beschrieben werden, die die Potentiale von Form und Struktur für die Modulation der Wahrnehmung beleuchten. Die Untersuchungen des dritten Teils unterteilen sich in drei Unterkapitel. Das erste widmet sich Architekturzeichnungen. Anhand bekannter Zeichnungen wird analysiert, wie Architekten mithilfe von bildhaften Tiefenhinweisen Raumwahrnehmung manipulieren. Der ergänzende und interpretierende Charakter der Wahrnehmung des Betrachters wird herausgearbeitet. Im zweiten Kapitel werden diese Mechanismen im dreidimensionalen Raum an den Konturen von Form und Struktur des Raumes untersucht. Die Ergänzung durch die Wahrnehmung, welche die Gestaltgesetze im Zweidimensionalen systematisch beschrieben haben, wird dabei in den dreidimensionalen Raum übertragen. Die Säulenreihen der großen Moschee von Córdoba werden dadurch als Korridore wahrnehmbar. Miteinander verschnittene Volumenkörper von Borrominis San Carlo werden als angedeutete und transiente Räume in ihrer Wechselwirkung mit dem Betrachter beschrieben. Das dritte Unterkapitel schließlich widmet sich dem Aspekt der Bewegung durch den Raum. Das Konzept des flüssigen Objekts beschreibt, wie sich ein Objekt in der Wahrnehmung dabei durch die Interaktion von Erinnerung und neu Wahrgenommenen ständig aktualisiert. Die Beschreibungen dieses dritten Teils betonen die Rolle von Form und Struktur architektonischen Raums für den Wahrnehmungsprozess. Sie wird als eine dauerhafte, in gewisser Weise bedeutungsgebende Interaktion zwischen Betrachter und Raum beschrieben, von der nur ein Bruchteil in unsere bewusste Aufmerksamkeit gelangt. Der Prozess der Wahrnehmung in Form eines ständigen Dialogs mit Form und Struktur verbindet den Betrachter mit seiner Umgebung dauerhaft. In den Schlussbetrachtungen werden die Implikationen aufgezeigt, die sich aus einer solchen Betrachtungsweise für die Entwurfspraxis des Architekten, für eine sinnvolle zukünftige Verknüpfung der Architektur mit der Psychologie, und schließlich für die Beschreibung und Beurteilung von Gebäuden ergeben.
Recent architecture is rich in examples of formally and structurally complex projects that fascinate the observer and at the same time do not offer an access point for the understanding of its origin and meaning. While the evaluation of such projects is often drawn on resilient technical criteria, such criteria has been lost for a description of form and structure in relation to their perception. To try to reestablish such criteria seems to be promising today especially from the viewpoint of psychology and neuroscience, since in these research areas new relevant insight has been developed over the course of the last years. Thus, the thesis at hand is dedicated to the task to describe form and structure of architectural spaces from the viewpoint of visual space perception. In doing this, not the individual evaluation and liking of perception is discussed, but the implicit processual interaction between architecture and perceiver. The aim of the investigation is to develop a new, significant aspect of meaning of architectural form and structure and add it to established approaches. A psychological method of interpretation for architecture implies that space will be described from an individual perspective. The subjective experience of space is dominating the aesthetic of the theory of “Einfühlung” at the end of 19th century. The first part of the thesis traces these basic understandings of the theory of “Einfühlung” and Gestalt psychology. In more depth, the work of Rudolf Arnheim that is based on Gestalt theory will be discussed: his approach offers a suitable system that can be related to today’s research on implicit perception and architecture. The methodology of Rudolf Arnheim forms the starting point for the discussion of the relevant level of knowledge in psychology and neuroscience in the second part of the thesis. The emphasis of this research lies on those research areas that are employed in implicit visual perception. Doing so, aspects of visual attention, selection, expertise, learning and unconscious perception will be discussed. These areas of research shed light on those mechanisms that are occupied with the production of information aside from our conscious attention. They deliver a founded conception of the way how even without our help and without us noticing, through constant processing of stimuli, our nervous system is put in the position to interact successfully with its surrounding largely independent of our focus of attention. And beyond, how this interaction with our surrounding is influencing and imprinting us. It becomes clear that form and structure of the objects around us are constantly reinterpreted by basal mechanisms of perception. The insight in these processes of perception will be with increasing complexity transferred in the third part to the interaction of the perceptual system with concrete architectural spaces. Thereby phenomena can be described that explain the potentials of form and structure for the modulation of perception. The research of the third part is divided in three subchapters. The first one is dedicated to architectural drawings. Well known drawings help to analyze, how architects manipulate space perception through the use of depth cues. The additional and interpretative character of the perception of the observer is carved out. In the second subchapter these mechanisms are examined in three-dimensional space on the contours of form and structure of space. The completion through perception that the Gestalt laws systematically describe in two-dimensional illustrations are thereby translated into three-dimensional space. The rows of columns of the Great Mosque of Córdoba are thereby perceivable as corridors. Intersecting volumes of Borromini’s San Carlo are described as implied and transient spaces in their interaction with the observer. The third subchapter finally focuses on the aspect of movement through space. The concept of fluid space describes how an object constantly actualizes in perception through the interaction of memory and fresh perceptions. The treatise of this third part emphasizes the role of form and structure of architectural spaces for the process of perception. It is described as a permanent and in a certain way significant interaction between observer and space, of which only a fraction reaches our conscious attention. The process of perception as a constant dialogue with form and structure connects the observer with his surrounding permanently. The closing considerations depict the implications resulting from such a point of view for the design practice of the architect, a meaningful future relationship of architecture with psychology and finally for the description and evaluation of buildings.
URI: urn:nbn:de:kobv:83-opus4-60395
http://depositonce.tu-berlin.de/handle/11303/4594
http://dx.doi.org/10.14279/depositonce-4297
Exam Date: 26-Sep-2013
Issue Date: 11-Mar-2015
Date Available: 11-Mar-2015
DDC Class: 150 Psychologie
720 Architektur
Subject(s): Architektur
Implizite Wahrnehmung
Nervensystem
Unbewusste Wahrnehmung
Visuelle Raumwahrnehmung
Architecture
Implicit perception
Nervous system
Perception
Unconscious perception
Visual space
Usage rights: Terms of German Copyright Law
ISBN: 978-3-7375-2298-4
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