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Die Perspektive der Logik und die Logik der Perspektivität

Über einen Satz der Genealogie der Moral

Guerreschi, Luca

Die häufig kommentierte Äußerung im Aph. 12 der dritten Abhandlung der Genealogie der Moral, dass „man sich gerade die Verschiedenheit der Perspektiven und der Affekt-Interpretationen für die Erkenntnis nutzbar zu machen weiss“ (GM, KSA 5, 364 f.), führt unmittelbar ins Zentrum des oft vernachlässigten Zusammenhangs von Perspektiven- und Identitätsbegriff bei Friedrich Nietzsche. Das Wort ‚Verschiedenheit‘ setzt bereits in sich selbst, d. h. in seiner ursprünglichen Bedeutung des Andersseins (ἑτερότης), den Doppelcharakter der Differenz (differentia, diversitas) und der Pluralität (pluralitas, multiplicitas) voraus. Demgemäß ist damit der Gegenbegriff zu ‚Gleichheit‘ und ‚Identität‘ bestimmt. Auf die Perspektiven bezogen, wie es in der Genealogie der Moral heißt, lässt sich sodann deren Verschiedenheit allein unter der Bedingung denken, dass sie einerseits mehrere, also mehr als eine sind (pluralitas) und dass sie andererseits kraft ihrer Vielheit (multiplicitas) voneinander differieren (differentia). Das Bewusstsein des Perspektivischen – so die These, die ich in diesem Beitrag vertreten – schließt notwendig die implizit mitgedachte Aufhebung der Identität ein.
Published in: Nietzscheforschung, 10.1515/nifo-2018-0021, De Gruyter