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Landschaftsentwicklung und Ökosystemwandel als Folge zentralstaatlicher Landnutzungsstrategien in Innerasien

Betke, Dirk

Fak. 6 Planen Bauen Umwelt

In den meisten Entwicklungsländern bildet die Verknappung der Ressource Boden einen strategischen Engpass. Unter größtem ökonomischem Druck stehen dabei die ökologisch empfindlichen Randzonen arider Kernräume. Diese Problematik findet sich auch in Zentralasien, einem der größten Trockengebiete der Erde. Am Beispiel der Desertifikationsproblematik im chinesischen Teil Zentralasiens entwickelt die Arbeit einen Erklärungsansatz für die spezifischen, durch den sozialistischen Zentralstaat geprägten Mechanismen in der Landnutzung und ihre Wirkung auf Umwelt. Hierbei interessiert insbesondere die Frage, inwiefern sich spezifische Ausprägungen von Verfügungsrechten auf die Nutzung natürlicher Ressourcen auswirken. Die Fragestellung wird am Beispiel des Manas-Flussgebietes bearbeitet. Hier hat das Xinjianger Produktions- und Aufbaukorps (PAK) als paramilitärische Organisation der chinesischen Militärkolonisation das Modell eines Neulanderschließungsprogramms und das institutionelle Gerüst eines sozialistischen Ressourcenmanagements entwickelt und großflächig umgesetzt. Im Mittelpunkt der Untersuchung steht die Staatsfaem als dominierende Produktions- und Siedlungseinheit in der Region. Hier wird die Wirkung der auf der Ebene des Flussgebietes gesetzten Rahmenbedingungen aufgezeigt. Institutionelle Rahmenbedingung für den Aktionsradius des Unternehmens Staatsfarm war das "dezentrale Staatseigentum". Es handelt sich um Verfügungsrecht an Land und Ressourcen, das vom Zentralstaat an die Wirtschaftsakteure der landwirtschaftlichen Staatsbetriebe delegiert ist. Es enthielt keine einschränkenden Bestimmungen zur Erhaltung des Ressourcenbestands, wichtigstes Ziel der Staatsfarm war die Erfüllung der Planvorgaben. Die Akteure der Staatsfarmen verhielten sich daher rational, wenn sie während ihrer Dienstzeit Boden- und Wasserressourcen maximal ausbeuteten. Hinsichtlich der Steuerung des Wasser- und Salzhaushaltes führten diese "falschen" Anreize zu einer raubbauartigen Nutzungsstrategie. Im bewussten Verzicht auf ein nachhaltiges Landschaftsmanagement bewirkte sie die Entwicklung hoher Grundwasserstände und Bodenversalzung und führte in letzter Konsequenz zur großflächigen Landschaftsdegradierung. Bei den auf der Mikroebene der Staatsfarm ermittelten Umwelt- und Ressourcenproblemen handelt es sich nicht um einen Einzelfall, sondern um ein institutionelles Muster systematischer Landschaftsdegradierung. Dieses Muster setzte sich im Manas-Gebiet und in ganz Xinjiang in einer Weise durch, dass es zu Desertifikation in beachtlichen flächenhaften Dimensionen kam. Die Handlungsspielräume des amtlichen Umweltschutzes in Xinjiang waren sehr eingeschränkt, diesen Problemen wirkungsvoll zu begegnen. Zu sehr war die lokale Umweltbehörde in lokale Politiknetzwerke eingebettet. Auch vom PAK kann in seiner derzeitigen Konfiguration keine Lösung in der Wasser- und Salzproblematik erwartet werden. Allerdings deuten sich in der bäuerlichen Landwirtschaft im Manas-Gebiet inzwischen Entwicklungsoptionen an, wie über eine stärkere Einbindung von Nutzergruppen die Bewirtschaftung des Wasser- und Salzhaushaltes verbessert werden kann.