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Protestforschung zwischen allen Stühlen

Ein Versuch über die Sozialfigur des „Protestforschers“

Ullrich, Peter

Der Essay nimmt jüngere Angriffe auf die Protestforschung, sie sei staatliche „Gegnerkunde“, zum Anlass einer Analyse des Forschungsfeldes. Er geht der Frage nach der Berechtigung des Vorwurfs in zweierlei Hinsicht nach: Erstens werden die verschiedenen Beziehungsmuster zwischen den „Protestforscher*innen“ und ihrem Feld, die sich auf die Art der Wissensproduktion auswirken können, dargestellt. Entlang der Dimensionen „Positioniertheit“ und „Bewertung“ werden drei Grundtypen von Protestforscher*innen (Interessierte, Engagierte, Distanzierte) sowie diverse Randphänomene vorgestellt. Zweitens wird gezeigt, wie sich Protestforschung im Hinblick auf ihren gesellschaftlichen Nutzen, der in den harschen Kritiken kaum Beachtung findet, begründen lässt. Dafür werden wissenschaftliche, progressiv-bewegungsnahe und liberale Argumente angeführt. Dieser Nutzen steht aber unter dem Vorbehalt der Beachtung forschungsethischer Herausforderungen, die aus den spezifischen Ambivalenzen des Feldes der Protestforschung resultieren. Der Autor spricht sich im Fazit für eine transparente und selbstreflexive Protestforschung als soziologische Aufklärung für die Gesellschaft und die Bewegungen selbst aus und damit für eine Forschung, die gleichsam zwischen den Stühlen sitzt.
This paper is a reaction to recent attacks against protest research by activists, who accuse it of being little more than state counter-intelligence. It explores how justified this criticism is by looking at two aspects. The first part analyses patterns of the relation between researchers and their fields, considering its possible impact on research outcomes. In the framework of the two dimensions „positioning“ and „evaluation“, three fundamental types of researchers (the interested, the engaged, and the distanced) as well as some border phenomena are presented. As a second answer to the critics, the paper explores the usefulness of protest research (a point blatantly ignored by the critics) for society in general and movements in particular, from a scientific, a progressive/ activist and a liberal point of view. Protest research’s usefulness, however, depends on how the ethical challenges resulting from the field’s peculiarities are taken into account. In conclusion, the author argues for transparent and self-reflective protest research as a form of sociological elucidation for both the protesters and society as a whole.
Published in: Forschungsjournal Soziale Bewegungen, 10.1515/fjsb-2019-0004, De Gruyter